1.) Lieber Verbundbrief, vor genau 629 Jahren, am 14. September 1396, bist du in Kraft getreten. Was bist du genau?
Ich bin das grundlegende Verfassungsdokument der alten Reichsstadt Köln. Dabei haben sich Bürgermeister, Rat und Gemeinde auf ein kompliziertes Verfahren zur Zusammensetzung des städtischen Rates geeinigt.

2.) Wie war es vorher?
Der Kölner Rat wurde von einer wohlhabenden und einflussreichen Oberschicht, den sog. Patriziern, dominiert. Der Verbundbrief regelte nun, dass lediglich 5 der 49 Ratsmitglieder Patrizier waren, der Rest bestand aus Vertretern von Kaufleuten und Handwerkern. Heute hat der Rat der Stadt Köln übrigens 90 gewählte Stadtverordnete.

3.) Wie siehst du genau aus?
Ich bin ein leicht bräunliches Pergament mit den Maßen 53 cm x 80 cm, mit dunkler Tinte eng beschrieben und mit 23 schwarzen Siegeln.

4.) Gibt es heute noch Exemplare von dir?
Von den damals 23 Exemplaren sind noch fünf übrig. Eins davon befindet sich im Stadtmuseum, vier wurden 2009 beim Einsturz des Historischen Archivs beschädigt. Allein mit der Wiederherstellung der Siegel eines einzelnen Exemplars war eine Restauratorin 100 Arbeitsstunden beschäftigt.

5.) Was bedeuten die Siegel?
Es sind die Siegel der Stadt Köln sowie der 22 Gaffeln. Das waren Vereinigungen von einer oder mehreren Zünften. Der Name stammt von den zweizinkigen Gabelspießen, die beim feierlichen gemeinsamen Essen verwendet wurden.

6.) Wie hießen die Gaffeln?
Bei den meisten konnte man die Handwerker bereits am Namen erkennen, zum Beispiel Goldschmidt, Schmidt, Schuhmacher, Steinmetzer, Kannengießer.

Bei anderen Gaffeln kann man heute mit den Namen nichts mehr anfangen. So waren „Himmelreich“ und „Windeck“ Kooperationen von Kaufleuten, „Aren“ waren die Riemenschneider, „Buntwörter“ die Kürschner und „Schröder“ die Schneider.

7.) Einige der Gaffeln finden sich noch in heutigen Straßennamen wieder.
Ja, zum Beispiel Schildergasse (Wappenhersteller), Fleischmengergasse (Fleischer), Fassbindergasse, Weberstraße.

8.) Wer gehörte noch zu einer Gaffel?
Jeder männliche sog. Vollbürger musste sich einer Gaffel anschließen. Die Gaffeln waren dazu verpflichtet, für ihre Mitglieder und deren Familien in Notsituationen zu sorgen. Außerdem konnte man bei der Bedrohung Kölns durch Angreifer alle rasch zur Verteidigung zusammenrufen. Nicht als Vollbürger galten u. a. Frauen, Kleriker, Gaukler, Bettler, Nichtkatholiken, Mägde, Knechte und Handwerksgesellen. Dennoch konnten mehrere Tausend der 40.000 Einwohner die Stadtgeschichte mitbestimmen, was damals recht ungewöhnlich war.

9.) Wie lange warst du gültig?
Ich wurde erst 1797 während der französischen Herrschaft in Köln außer Kraft gesetzt. Da war Kölns mittelalterliche Glanzzeit schon längst vorbei und ich war zum Symbol der Erstarrung, des Verhaftens im Mittelalter geworden. Man sagt daher, dass erst Napoleon Köln aus dem Mittelalter geholt hat.

10.) Gab es auch Zünfte außerhalb des Gaffelverbandes?
Ja, u. a. Branntweinbrenner, Kaffeebrenner und Fechtmeister – und die Kölner Frauenzünfte!

11.) Und zum Schluss: Was hatte es mit den Frauenzünften auf sich?
Frauenzünfte – das war damals einmalig in Europa! So gab es Garnmacherinnen, Goldspinnerinnen und Seidenmacherinnen. Die berühmteste Seidenweberin, Fygen Lützenkirchen, lebte im 15. Jahrhundert. Sie führte ein eigenes Handelsunternehmen und bildete zudem 15 Lehrtöchter aus. Am Rathausturm schaut Fygen Lützenkirchen vom 1. Stock aus hinunter auf den Alter Markt.

Vielen Dank, lieber Verbundbrief!

Quellen: deutschlandfunk.de, altes-koeln.de, mittelalter-lexikon.de, museenkoeln.de, stadt-koeln.de

Brunhilde Kiegel
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